Jae’Sean Tate – Odysseus

https://clutchcitycontrolroom.com/2021/01/02/jaesean-tate-an-explosive-rookie-ready-for-more/

Odyssee, das von Homer geprägte Wort beschreibt der Duden als einen langen, mit vielen Hindernissen verbundenen Weg, der einem Abenteuer gleicht.
Es beschreibt aber auch die Reise des Jae’Sean Tate, die ihren Ursprung in Ohio hat, über Belgien und Australien bis hin nach Houston führte. Eine Geschichte über einen Basketballer, der keiner sein sollte, über Schmerz, harte Arbeit und unzählige Rückschläge.

„Man, you’re really short.“

Mit diesen Worten wurde Jae’Sean Tate von Paul Smith, seines Zeichens Besitzer der Sydney Kings, am 22. Juli 2019 am Flughafen in Australien empfangen. Tate lächelte die Bemerkung weg, denn es war nichts neues für ihn, dass er als zu klein empfunden wird. Zeit seiner Karriere gilt er als zu klein und nicht gut genug, zeit seiner Karriere straft er seine Kritiker lügen. Steter Begleiter ist das Lächeln. Ein Lächeln als Zeichen seiner mentalen Stärke, aber auch als Fassade hinter all dem Leid, das er früh in seiner Kindheit erfuhr.
Als achtjähriger wird Jae’Seans Mutter auf der Straße erschossen und er musste fortan bei seinen Großeltern leben und Verantwortung übernehmen, da er als Ältester von fünf Kindern im Haushalt mithelfen musste. Essen kochen, das Haus sauber halten und sich um seine Geschwister kümmern. Er lernte früh, was es heißt sich anzupassen und all die Dinge zu tun, die nötig sind, um als Team zu funktionieren. Eine Tugend, die der 25-jährige sich bis heute erhalten hat und sich in seinem Spiel widerspiegelt.

Um den Verlust seiner Mutter zu kompensieren, fing er an Basketball und Football zu spielen, und war in beiden Sportarten gleichermaßen talentiert, es fehlte ihm lediglich an Größe, was ihn zur Zielscheibe der größeren Kinder machte, da speziell bei Jugendlichen die Größe durchaus einen signifikanten Unterschied machen kann. Tate hingegen nahm sich der Größeren an, hielt dagegen und fing an noch härter an sich zu arbeiten, damit er den Größenvorteil egalisieren konnte.
Seine Basketballkarriere aber stockte von Beginn an, da er stets als zu klein erachtet wurde. Spätestens mit der Rückkehr seines Vaters (Jermaine Tate, spielte in Europa selbst professionell Basketball), änderte sich das allgemeine Bild von „er ist zu klein“ zu „er ist klein, kriegt es aber dennoch hin“. Primär lag es daran, dass er mit seinem Vater unzählige 1-on-1s spielte und Jae’Sean dabei lernte, dass er kein Land gegen seinen ihm körperlich überlegenen Vater hatte. Er musste klüger und schneller sein, um eine Chance zu haben, hart arbeiten und niemals nachgeben. Sein Vater brachte ihm zudem bei, dass ihn der geringste Fehler wieder auf die Ersatzbank bringen könnte, und ließ ihn bei jedem Airball Liegestütz machen. Zusätzlich musste der junge Jae’Sean mindestens zehn aufeinanderfolgende Freiwürfe treffen, ehe er das Training beenden durfte.
Während eines Spiels in der siebten Klasse, wurde Tate eingewechselt und griff sich in einer Sequenz 4 Offensiv-Rebounds, vergab aber jeden seiner Putbacks. Seine Coaches waren dennoch angetan und Jae’Sean merkte, dass er es mit harter Arbeit schaffen könnte.

Irgendwann wurde aus der harten Arbeit ein Traum vom College, bis eines Tages tatsächlich Angebote einiger Universitäten im Hause Tate eingingen. Er bekam diese vor allem, weil er früh erkannte, was es brauchte damit sein Team gewinnen kann und so schaffte er es trotz fehlenden Sprungwurfs und dank eines späten Wachstumsschubs an die Ohio State University. Wie einst sein Vater Mitte der 90er.
In Windeseile entwickelte er sich zu einem Wortführer der Mannschaft und blieb ein unermüdlicher Verteidiger. Doch aufgrund zahlreicher Verletzungen und Operationen (fünf an der Zahl seit seiner Highschool Zeit), sowie der fehlenden Attribute Größe und Wurf, ging kein NBA Team das Risiko ein, Tate via Draft zu verpflichten.

„Verzögerung ist keine Ablehnung. Gott hat deine Reise bereits geplant“

Generell schien kaum ein Verantwortlicher an Tate zu glauben, der Konsens war, dass er zwar ein guter College Spieler gewesen sei, es für den ganz großen Wurf nicht reicht und die zahlreichen Verletzungen ein zu großes Risiko darstellen. Letzteres nagte auch an Tate, der erstmals leise Zweifel zu hegen schien. Die Milwaukee Bucks boten ihm schließlich einen Platz in ihrem Summer League Team an, doch kurz davor brach er sich einen Finger in der rechten Hand. Es kam wie es kommen musste und nichtmal ein G-League machte Anstalten ihn zu verpflichten.
Eines Abends rief ihn schließlich sein Agent an und erzählte ihm von einem Angebot aus Belgien, wo er sich fünf Wochen beweisen könnte.
Aus fünf Wochen wurde fast ein Jahr und Tate war so gut, dass ihn der Präsident aus eigener Tasche bezahlte und ihm eine Wohnung stellte. Immer in dem Bewusstsein, dass dies seine letzte Chance sein könnte, biss Tate sich fest und überzeugte. Er führte die Antwerp Giants zur ersten Meisterschaft und in der Champions League gar bis ins Final Four.
Nach der Saison versuchte er sich den Sommer über bei den Denver Nuggets, zeigte hier aber wechselhafte Leistungen und verließ die USA einmal mehr, um sich den Sydney Kings in Australien anzuschließen, denn er wusste, dass NBA Scouts die Liga interessierter verfolgen würden, da ein gewisser LaMelo Ball ebenfalls in Australien seine Sneaker schnürte. In kürzester Zeit entwickelte er sich zu einem Topspieler und im März 2020 unterbreiteten ihm die Golden State Warriors ein Angebot über einen 10-Tages-Vertrag, den er aufgrund der Covid- Ausbrüche nicht antreten konnte, da die Saison der Warriors vorzeitig beendet wurde.

Der Plan, sich in Australien beweisen zu wollen, ging dennoch auf, da ihn die Rockets vor Ort beobachteten und sich entschieden, ihm einen Vertrag über mehrere Jahre zu offerieren. In Houston gefiel es der sportlichen Leitung vor allem, dass Tate in jeder Sequenz Einsatz zeigte und das Spiel an beiden Enden zu beeinflussen wusste. Denn es ist nach wie vor schwer, Spieler zu finden, die ein Passspiel besitzen, über eine gute Fußarbeit und Athletik verfügen und somit defensiv mehrere Positionen verteidigen können. Jae’Sean Tate vereint all diese Attribute und es unterstreicht seinen Charakter, dass er sich nicht darauf auszuruhen schien. Seiner Großmutter erzählte er nicht etwa, dass er es geschafft hätte, sondern noch Arbeit vor sich hat, schließlich sei es das Eine in die NBA zu kommen, doch unter gänzlich anderen Sternen steht, wie lange sich ein Spieler dort halten kann.

Sein Arbeitseifer deutet darauf hin, dass er sich durchaus länger in der Liga halten kann. Runzelten noch einige Fans der Rockets zu Saisonbeginn die Stirn, wer denn der Spieler mit der Nummer 8 sei, liegen sie ihm heute zu Füßen. Mit seiner Mentalität, seinem Einsatz und seinem allgegenwärtigen Lächeln, ist er einer der wenigen Lichtblicke in einer von Umbrüchen begleiteten Saison. Defensiv übernimmt er Abend für Abend den besten Gegenspieler und treibt diese meist zur Weißglut. Nicht umsonst hatte Luka Doncic gegen die Rockets eins seiner schlechtesten Spiele dieser Saison, als Tate ihn über 30 Minuten hinweg jagte und ihm bei 26 genommen Würfen lediglich neun Treffer gelangen.

Doch auch offensiv entwickelt sich Tate stetig. Zwar wackelt sein Wurf immer noch, doch er versteht es seinen robusten Körper richtig einzusetzen und punktet vor allem nach klugen Cuts in der Zone effektiv. Selbst von einem LeBron James verteidigt, lässt er sich nicht mehr beeindrucken und schlug diesen im Januar mit einer Variante mehrer Moves, an dessen Ende ein Turnaround-Hookshot samt Treffer stand. Anders als andere Rookies regte sich in Tate aber keine Miene und er trabte zurück, der Wichtigkeit der nächsten Possession bewusst.

Sein gestiegenes Selbstvertrauen macht sich auch bemerkbar, als dass er offensiv mehr Verantwortung übernimmt. Seine Dreier hat er im Vergleich zu Saisonbeginn verdoppelt, bleibt hier aber extrem streaky, wobei die Rockets generell ein sehr schwaches Team sind, was den Dreier betrifft. Zudem tritt er immer häufiger in der Rolle eines Point Forwards auf. Hier ist es bemerkenswert, dass er den Ball führen kann und den Kopf dabei oben behält, was es ihm ermöglicht seine Fähigkeiten als Passer einzusetzen. Dabei steigt seine Usage von Monat zu Monat und im April spielte er den wohl besten Basketball seiner doch noch jungen Karriere mit 12,5-5-4 und 1,6 Steals.

Jae’Sean Tate, ist gekommen um zu bleiben. Ähnlich wie Homers Odysseus zog auch Tate aus und schaffte es nur über einen langen Umweg zurück zu seinem ursprünglichen Ziel. Was bei Odysseus die Insel Ithaka war, ist bei Tate die NBA und sofern die Geschichten sich tatsächlich ein wenig gleich sollten, werden die Fans noch Jahre Freude an dem ständig grinsenden Jungen aus Ohio haben.

Veröffentlicht von Leon Göhl

Ich bin Student an der HS Pforzheim und betreibe nebenbei einen Basketball Blog, wie Podcast.

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