The Greatest What if…? – Derrick Rose

Denkt man heute an die besten Point Guards der Liga, so fallen einem schnell die üblichen Namen ein. Curry, Westbrook, Irving, Doncic. Über Derrick Rose redet kaum noch jemand. Doch vor nicht einmal zehn Jahren sah alles danach aus, als ob eben jener D-Rose die Zukunft der NBA sein könnte. Über einen Spieler, der das Spiel revolutionierte, dessen Körper dem Druck aber nicht standhielt.

How does Kyrie Irving compare to MVP Derrick Rose? - Fear The Sword
Jonathan Daniel

Es gibt sie immer wieder. Sogenannte Cinderella Stories. Sportler, die entweder aus dem Nichts in ungeahnte Sphären drängen oder bei denen einfach alles zu passen scheint. Derrick Martell Rose zählte zu der letzteren Kategorie. Der in Chicago geboren und aufwachsende Rose, wurde am 26. Juni 2008 mit dem ersten Pick im Draft von eben jenen Chicago Bulls ausgewählt. Für die Stadt, die seit Michael Jordans zweitem Karriereende nach einem neuen Messias suchte, schien ihn ausgerechnet in ihrem Local Hero gefunden zu haben. Eigentlich zu schön um wahr zu sein.

Doch D-Rose war bereits zu Highschool-Zeiten eine athletisches Ausnahmeerscheinung. Nachdem er auch noch sein College (Memphis) im ersten Jahr direkt ins NCAA Final führte und dort wenige Sekunden vor dem Ende, Memphis mit drei Punkte in Führung gebracht hatte, war spätestens jedem klar, dass dieser Junge besonders ist. Doch weil Mario Chalmers noch einen Dreier zur Overtime traf, welche Kansas schlussendlich gewann, konnte Rose seine Collegekarriere nicht krönen.

Trotzdem war sein Hype so enorm, dass ihn Chicago an eins wählte (zum Vergleich, Magic Johnson war davor der letzte an Nummer eins gedraftete Point Guard) und er lieferte direkt ab.

33 Spiele hatten die Bulls im Jahr zuvor nur gewonnen und die Playoffs somit deutlich verpasst. Dank Rose verbesserten die Bulls ihre Bilanz direkt um 8 Siege und standen somit wieder in den Playoffs. 17-6-4 legte er in der Saison auf und wurde folgerichtig Rookie of the Year. Zur Krönung lieferte man sich in den Playoffs eine der besten Serien gegen die Altmeister der Boston Celtics. Sieben Spiele lang machten die Bulls den Celtics das Leben schwer. Vier mal reichten 48 Minuten nicht aus, um einen Sieger zu ermitteln.

Zwar rächte sich die Unerfahrenheit in Spiel 7, das die Celtics gewannen, doch so manch ein Bulls Fan fühlte sich an 1991 erinnert, als Michael Jordan die Pistons fast besiegen konnte und somit eine Wachablösung im Osten einleitete. Boston, die spätestens seit 2007 als Äquivalent zu den Bulls um die 1990er Wende galten, waren ähnlich wie die gesamte NBA gewarnt, denn einen Spieler wie Rose hatte man so noch nie gesehen.

Unglaublich schnell, im Dribbling fintenreich und nahezu nicht zu verteidigen, athletisch und in der Luft ein Akrobat, der selbst gute Defensivsequenzen schlecht aussehen ließ, da er mehrfach die Richtung (in der Luft wohlgemerkt) ändern konnte. Heute könnte man den jungen Derrick Rose als eine Mischung aus Russell Westbrook und Kyrie Irving bezeichnen.

Als Sophomore wurde er zudem erstmals All-Star, doch in den Playoffs erwies sich LeBron James als zu stark.

Bis heute ikonisch ist die anschließende Pressekonferenz, in der ein Reporter Rose nach seinen Zielen für die nächste Saison fragt. Als dieser daraufhin antwortet, warum er nicht der beste Spieler der Liga werden sollte, wurde Rose eher müde belächelt, als dass man dem ganzen Glauben schenkte.

Denn vor zehn Jahren war das MVP Ranking noch extrem abhängig davon, wie gut man mit seinem Team abschnitt. Sollte man die Regular Season nicht unter den besten zwei Teams seiner Conference beenden, so hatte man als Spieler kaum eine Chance auf den MVP-Award.

Zwar sah man die Bulls als sicheren Playoffanwärter an, doch mit dem neu formierten Triumvirat in Miami, der Big-4 der Celtics (Garnett, Pierce, Rondo, Allen), Orlando mit Dwight Howard in seiner Prime oder sogar die Atlanta Hawks rund um Josh Smith wurden vier Mannschaften höher als die Bulls eingeschätzt.

Die Bulls hatten außer Rose kaum etwas zu bieten. Zu verletzungsanfällig war der Frontcourt (Carlos Boozer, Joakim Noah), zu schlecht der restliche Supportingcast (Beide Shooting Guards zusammen hatten einen Punktedurchschnitt von 10 Punkten pro Spiel).

Trotzdem war Rose so gut, dass er die Bulls zu einer 62-20 Saison führte, was gleichbedeutend die beste Bilanz der NBA war und strafte so alle Kritiker lügen. Es waren 21 Siege mehr, als im Jahr zuvor und Rose überragte mit 25 PPG, 7,7 APG, 4 RPG und einem Steal. Ohne Rose wären die Bulls eine Mannschaft gewesen, die um den First Pick im nächsten Draft spielt, doch er war es, der in kritischen Momente übernahm, sein Team schulterte und von Sieg zu Sieg führte. Er führte die Bulls von einer der schlechtesten Offensiven (Platz 27, 2010), zu einem respektablen elften Platz und das, obwohl das halbe Team die Saison über durchweg verletzt war. Sein wahrer Wert für die Bulls war zudem noch viel höher, als es die Statistiken ausdrücken können. Leader, Vorbild und Motivator in einem. Und all das mit gerade einmal 22 Jahren. Am ehesten trifft vermutlich der Vergleich mit Stephen Curry von 2016. In jedem Spiel, hatte man das Gefühl dass Rose zum einen nicht aufzuhalten war, zum anderen dass er stets etwas neues machen würde.

Rose gewann zurecht als jüngster Spieler aller Zeiten den MVP Award und es sah alles danach aus, als würde er über Jahre hinweg zum Aushängeschild der Liga.

Doch anstatt über ihn in einer Legendenserie zu schreiben, taucht er in einem What if…? auf und das ist vor allem auf zwei Gründe zurückzuführen. Nummer 1: Derrick Rose Körper hatte ein Ablaufdatum. Nummer 2: Derrick Rose ist abhängig von seiner Athletik und Schnelligkeit. Sein Spiel fußte immer darauf und über seine ganze Karriere hinweg schaffte er es nie, sich einen sicher fallenden Distanzwurf anzueignen.

Ein Jahr nachdem er MVP wurde, genauer gesagt am 29. April 2012, empfingen die Bulls die Philadelphia 76ers für Game 1 der ersten Playoffrunde. Das Spiel schien gelaufen zu sein. 99 zu 87 führten die Bulls bei nur noch 1:21 auf der Uhr, als Rose nochmals zur Zone zog, absprang und in der Luft Boozer fand, mit beiden Beinen landet und auf den Boden sinkt. Seine Hand geht instinktiv an sein Knie und was mancher Fan befürchtete wurde kurze Zeit später wahr. Kreuzbandriss. Obwohl die medizinische Versorgung heutzutage exzellent ist, so ist ein Riss des Kreuzbandes heute noch ein fast sicheres Todesurteil für jeden Spieler, der von seiner Athletik lebt.

Doch allein in diesem Spielzug sind so viele Fragen. Zuerst warum steht der Superstar in der Garbage Time noch auf dem Feld, wo er während der Saison bereits 26 Spiele wegen kleinerer Blessuren verpasste? Aber auch, warum Rose nochmals mit einer solchen Kraft zum Korb geht, anstatt die Uhr herablaufen zu lassen und den Sieg einzutüten?

Dadurch verpasste Rose die kompletten Playoffs, sowie die gesamte nächste Saison. Genauso schnell, wie er die Liga eroberte, ähnlich schnell zerfielen die Hoffnungen der Fans, dass dieser junge Point Guard, sie zum siebten Mal ins gelobte Land führen könnte.

Als Fan entwickelt man trotzdem oftmals ungewöhnliche Ansichten über das eigene Team. Entweder man redet sich ein, dass die eigenen Spieler was besonderes sind, das Management schlauer und besser als der Rest (Hallo Knicks, wo sind denn KD, Kyrie und Zion?) oder der medizinische Staff das hinbekommt. So redeten sich die Bulls auch ein, dass ein 23-jähriger, der bisher nie Probleme mit seinem Körper hatte, und zudem keinem Zeitdruck ausgesetzt war, wieder zum alten Ich zurückfinden könnte.

So waren die Hoffnungen 2013 groß, als Rose endlich zurückkehrte. Doch man merkte ihm an, dass der Rhythmus fehlte und die Verletzung ihn mental beschäftigte. Trotzdem schien er auf einem guten Weg zu sein, bis am 10. Spieltag sein linkes Knie plötzlich streikte. Ein weiteres „was wäre wenn“ es bei der einen Verletzungen geblieben wäre? Wäre er wieder in alter Stärke zurückgekommen?

So aber verpasste er erneut eine Saison und quälte sich abermals durch eine lange Reha, nur um im nächsten Jahr mit den Knöcheln und Sehnen Probleme zu bekommen. Erneut verpasste er große Teile der Saison (31 Spiele) und all die Probleme machten sich bemerkbar. Immer zögerlicher wurde Rose Spiel, der Drive selten. Zu sehr blockierte sein Kopf, die Angst vor der nächsten Verletzung, war verständlicherweise größer, als der Drang Highlight nach Highlight zu produzieren. So legte er 2014/2015 18 PPS auf, doch 40% aus dem Feld, zeigen zum einen, wie sehr Rose der Drive fehlte und zum anderen, dass sein Wurf nicht verlässlich genug war, um ihn erneut auf ein All-Star Niveau zu befördern.

Mit der Zeit wurden auch die Bulls unzufrieden mit ihrem vermeintlichen Superstar. Zu schlecht waren ihrer Ansicht nach seine Leistungen, zu viel zahlten sie ihm dafür. Highlights wie der Gamewinner in den East Semis 2015, zu rar.

So wurde Rose zu einem vermeintlichen Globetrotter. Was Rose von anderen sogenannten Globetrottern unterscheidet, ist dass bei ihm diese Phase bereits mit 28 Jahren begann und er nicht krampfhaft einem Ring nachjagte, sondern krampfhaft versuchte zu beweisen, dass er immer noch ein Star sein kann.

Nach seinem Trade 2016 zu den New York Knicks überraschte er alle. Über 18 PPS und erstmals seit sechs Jahren wieder mehr als 45% aus dem Feld. 2017 jedoch wurde er Free Agent und ging für das Minimum nach Cleveland. Er wollte endlich um einen Titel mitspielen und reihte sich dafür in das zweite Glied hinter Kyrie Irving ein. Verletzungsprobleme kamen aber wieder auf und so wurde er zur Deadline nach Utah getradet. Die Jazz hatten aber keinen Nutzen für ihn, entließen ihn sofort und er kam nach Minnesota, wo er in den Playoffs extrem stark aufspielte und 14 Punkte und 3 Assists bei 50% aus dem Feld auflegte. Trotzdem waren die Rockets zu stark und ein weiteres What if…? trat auf, denn hätten die Cavs Rose behalten, hätten sie in den Playoffs nicht so dringend einen zweiten Guard gebraucht, der selbst kreieren kann. Mit ihm hätten die Cavs vielleicht eher eine Chance in den Finals gehabt.

So blieb Rose noch eine Saison in Minnesota, wo er meist von der Bank kommend stark aufspielte und mit einem 50-Punkte Spiel nochmals die Zeit zurückdrehte.

Im Sommer 2019 unterschrieb er dann bei den Detroit Pistons, bei denen er aktuell sein Glück gefunden zu haben scheint. Als 6th Man weiß er positiv zu überzeugen. Daher verwunderte es kaum, dass zur Deadline mehrere Contender, vor allem die LA Teams Interesse hatten. So wird sich Rose zwar auch diese Saison nicht krönen können. Das Höchste aller Gefühle, wäre der 6th Man of the Year Award. Für ihn persönlich ist es aber, dass er endlich weitgehend fit bleibt und spielen kann.

Es ist davon auszugehen, dass er sich im Spätherbst seiner Karriere nochmals einem Contender anschließen wird, um den ersehnten Titel doch noch gewinnen zu können.

So bleibt Rose Karriere bis heute voller unbeantworteter Fragen rund um seine Knie, seine Verletzungen, seinen schlechten Distanzwurf und unglückliche Free Agency Entscheidungen. Man kann ihm jedoch nichts vorwerfen. Ein Talent, dem man heute noch Abend für Abend ansieht, wie viel Spaß er am Basketball hat, für einen Sport, der seinen Körper zerschunden hat und für den er sich durch unzählige Rehabilitationsprozesse gequält hat.

Als Fan sollte man immer die ersten drei Jahre im Kopf behalten, vor allem seine 2011er Saison. Und wenn man sich seine besten Sequenzen ansieht, muss man es einfach genießen und all die What ifs…? außen vor lassen.

Veröffentlicht von Leon Göhl

Ich bin Student an der HS Pforzheim und betreibe nebenbei einen Basketball Blog, wie Podcast.

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