„Meine Geschichtslehrerin nannte mich immer Afroamerikaner.“ – Ein Interview mit Solohery Martinet über BLM und was es bedeutet in Deutschland schwarz zu sein

Solo Martinet ist auf Madagaskar geboren und lebt seit 2001 in Deutschland. Er studiert an der Hochschule Pforzheim und engagiert sich seit mehreren Monaten in der Black Lives Matter Bewegung in Deutschland. Über komische Blicke im Bus und was das N-Wort für ihn persönlich bedeutet.

Olajuwons Erben (OE): Solo schön, dass es geklappt hat. Du bist ja auch großer Basketball Fan. Als wie stark empfindest du die Geste der NBA, dass man aus mehreren Prints wählen darf, die man dann auf seinem Trikot zur Schau stellt.

Solohery Martinet (SM): Generell eigentlich positiv, ich finde es gut, dass die NBA ihren Spielern diese Bühne gibt, schließlich sind die meisten Spieler schwarz und in der Thematik irgendwie involviert.

OE: Unter anderem Black Lives Matter, kann man zur Zeit auf einigen Jerseys lesen. Die Bewegung, schlug nach dem Tod von George Floyd extrem große Wellen und wurde zu einer globalen Bewegung. Was ist deiner Meinung nach der Grund, warum es gerade jetzt so groß wurde? Schließlich ist die Problematik nicht neu und auch „I can’t breathe“ ist seit Eric Garner 2014 omnipräsent.

SM: Vermutlich liegt es daran, dass wir aktuell in einer Pandemie leben. Die Leute sahen das schockierende Video von der Ermordung in Minneapolis und hatten das erste Mal wirklich Zeit sich mit der Thematik zu beschäftigen. Hinzu kommt, dass die Leute es vermutlich leid waren andauernd nur Updates zu Corona zu bekommen und merkten erstmals wie dringlich diese Thematik ist.

OE: Du bist ja selbst auch in Stuttgart auf der Demo gewesen. Wie hast du das erlebt und was kann uns das für die Zukunft zeigen?

SM: Die Polizei vermeldete in etwa 10.000 Demonstranten, wenn nicht sogar mehr. Für mich war es extrem bewegend zu sehen, wie viele Menschen ihre Gesundheit riskieren um auf ein Thema aufmerksam zu machen, dass sie manchmal selbst nicht betrifft, denn es sind nicht nur Schwarze auf die Straße gegangen. Vermutlich ein weiterer Grund, warum es auf einmal als so wichtig angesehen wurde. Denn anders als bei Martin Luther King oder Malcolm X sind nun Menschen aus allen ethnischen Gruppen anzutreffen gewesen.

OE: War das für dich einer der Momente zu sagen: „Hey ich engagiere mich da nun auch selbst“?

SM: Definitiv! Mir ist das Thema natürlich ungemein wichtig, da es mich und meine Familie direkt betrifft. Ich bin dann mit Leuten von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e.V. (http://isdonline.de) in Kontakt getreten und versuche mich seither dort zu engagieren.

OE: Was bedeutet es denn generell schwarz zu sein in Deutschland beziehungsweise in Europa?

SM: Es ist nicht immer leicht. Früher beispielsweise habe ich bei mir im Dorf Zeitungen ausgetragen und als Menschen vorbeifuhren und mir den Hitlergruß zeigten oder „Niggah“ riefen, habe ich nicht verstanden, warum ich zum Feindbild dieser Menschen gerate und woher deren konkreter Hass auf mich kommt. Oder als ich mit meiner Freundin im Bus saß und sie im Arm hielt, kam eine Frau auf mich zu und meinte: „Das würde ich nach Köln (Silvesternacht Anm. d. Red.) in der Öffentlichkeit aber nicht machen.“

OE: Wie sollte man deiner Meinung nach solchen Menschen begegnen?

SM: Schwierig. Das Meinungsbild einzelner Menschen wird ja oftmals im Kindesalter geschaffen. Ich persönlich finde zum Beispiel, dass man Themen wie Kolonialismus in der Schule nicht ausreichend genug behandelt. Bei mir war das nur eine Randerscheinung im Geschichtsunterricht. Das Ganze fängt auch schon an der Spitze an, meine Geschichtslehrerin beispielsweise nannte mich Afroamerikaner und das, obwohl ich französischer Staatsbürger bin und in Madagaskar geboren wurde. Man muss es nun schaffen, eine fundierte Grundlage zu legen um eine Aufklärungsarbeit leisten zu können, die sich nachhaltig und positiv auf die Gesellschaft auswirkt. Auch sollten Eltern sich verpflichtet fühlen, ihre Kinder als weltoffene Bürger zu erziehen.

OE: Alles andere als weltoffen, ist es schwarze Mitbürger mit dem N-Wort zu beschimpfen. Was löst das in dir aus und wie begegnest du dem Ganzen?

SM: Ich habe Glück, dass es in meinen Kreisen kaum fällt. Gleichzeitig kann ich die Faszination beziehungsweise den Mythos verstehen, da es in vielen Songtexten benutzt wird und sich somit in den allgemeinen Sprachgebrauch einfügt, trotzdem fühle ich mich verletzt, wenn Menschen mich so nennen. Glücklicherweise fällt es oft nur, wenn andere betrunken sind und dann möchte ich dort kein Fass aufmachen.

OE: Aber sollte man nicht genau dann das Fass aufmachen?

SM: Vermutlich schon, aber ich finde es besser mit Leuten sachlich und vor allem nüchtern darüber zu sprechen.

OE: Ist das Stand heute leichter, als noch vor wenigen Monaten?

SM: Das Bewusstsein in der Bevölkerung ist definitiv geschärft und Leute kommen auf mich zu, jedoch gibt es in Bussen nach wie vor schräge Blicke, wenn auf einmal der schwarze Junge mit Dreads und Bandana aufkreuzt. Trotzdem ist es schockierend, wenn Untersuchungen zum Racial Profiling eingestellt werden, weil es laut Innenminister kein Rassismusproblem in der Polizei gibt. Sensibilisieren im Bildungssystem und generelles Informieren über die Geschichte und Problematik würde es aber noch um ein vielfaches erleichtern.

Buchempfehlung für Leute, die sich in das Thema hineinlesen wollen https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/ID70373552.html

Veröffentlicht von Leon Göhl

Ich bin Student an der HS Pforzheim und betreibe nebenbei einen Basketball Blog, wie Podcast.

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