Schwanensee in der Luft

22 Jahre lang. Keiner spielte länger als Vince Carter. In vier verschiedenen Jahrzehnten aktiv und doch irgendwo unvollendet. Trotzdem kennt ihn auch heute noch jedes Kind. Zum Karriereende eines Highflyers, der den Dunk zur Kunstform erhob.

Bildnummer: 00249359 Datum: 01.10.2000 Copyright: imago/PanoramiC Vince Carter (Nr. 9, USA) beim Monster-Dunk ¸ber Frederic Weis (darunter, Frankreich) hinweg – Kevin Garnett (Nr. 10, USA) schaut ungl?ubig zu; Endspiel, Nationaltrikot, L?nderspiel, Dreamteam IV, Dream Team, Vneg, quer, USA – Frankreich 85:75, Dunking, dunken, stopfen, Ball, Sprung, springen, fliegen, spektakul?r, Zweikampf, Duell Olympische Sommerspiele 2000, Spiele, Olympia, Olympiade, Nationalmannschaft, Nationalteam Sydney SuperDome / Super Dome Dynamik, H?he, Kraft, ?berlegenheit Basketball OS Sommer Herren Mannschaft Australien Gruppenbild Aktion Werbemotiv Personen

We want Vince! We want Vince! Als ob die Fans der Atlanta Hawks es geahnt hätten. Vor knapp drei Monaten erhob sich der 43-jährige noch ein letztes Mal von der Bank und versenkte einen Dreier. Heute steht fest: Das waren die letzten Punkte von Vince Carter. Einem Spieler, der so viel Potential hatte, oftmals streitbar war, jedoch im Alter seinen Frieden gefunden hat. Dieser Dreier war der letzte nach 22 Jahren in der Liga. Niemand spielte länger in der NBA als Vince Carter, der als einziger Spieler in vier Jahrzehnten zum Einsatz kam. In seiner Laufbahn gehörte Carter zwar nie zur absoluten Weltspitze, doch zweifellos war er einer der beliebtesten Basketballer seit der Jahrtausendwende.

Populär war er zeit seiner Karriere. Vor allem lag dies an seiner phänomenalen Athletik. Carter wusste zu beeindrucken. Zur Verdeutlichung. Carter konnte an der High School mit den Händen sich an die obere Brettkante hängen. Das sind gut vier Meter über dem Boden. So wurden einige Colleges früh auf den Jungen aus Florida aufmerksam. Schließlich entschied er sich für Michael Jordans Universität. Den North Carolina Tar Heels. Aufgrund der enormen Athletik, waren Vergleiche zu eben jenem vorprogrammiert.

Den Sprung in die NBA wagte er 1998, im gleichen Draft wie Dirk Nowitzki und Paul Pierce. Carter wurde von den erst drei Jahren zuvor gegründeten Toronto Raptors, wo er auf seinen Großcousin Tracy McGrady traf. Schon als Jugendliche hatten die beiden gemeinsam trainiert und bei Nachwuchsturnieren gespielt – ohne zu wissen, dass sie miteinander verwandt waren. Das erfuhren sie erst, als McGrady sich bei einer Familienfeier, bei der Carter nicht anwesend war, zufällig mit dessen Großmutter unterhielt.

Speziell für seine Eingewöhnung, war diese familiäre Nähe besonders wichtig. Während andere Profis aus Florida im hohen Norden Probleme mit der Akklimatisierung haben. Folgerichtig wurde er zum Rookie of the Year gekürt. Zwar waren seine sportlichen Leistungen ansprechend, den Titel holte er sich aber auch wegen seines Flairs. Carter schien über das Parkett zu schweben und mit einer fast schon kindlichen Leichtigkeit diesem Sport nachzugehen. In der Geschichte des Sports gab es kaum jemanden, der so graziös, aber gleichzeitig kraftvoll zum Korb abhob und den Ball durch den Ring schmetterte. Wenn Carter vom Boden absprang, schien es, als würde er in der Luft für einen Moment stehen bleiben, um den Dunk besonders cool aussehen zu lassen. Der Slam Dunk Contest ist wegen ihm zu dem geworden was er heute ist. Am All-Star-Weekend 2000 setzte er dafür neue Maßstäbe. Jeder der sagt er habe jemals einen besseren Dunker gesehen, lügt und braucht lediglich bei Frédéric Weis nachfragen. Damals Center der Französischen Nationalmannschaft und größtes Opfer der Carterschen Athletik. Obwohl er mit 2,18m ganze 20cm größer als Carter war, war das dem egal und sprang ansatzlos über ihn drüber (s. Bild oben).

In der Netflix Dokumentation „The Carter Effect“, beschrieb ihn seine Mutter als einen „sehr künstlerischen Menschen“. Anders als bei Tschaikowski, schwebte er nicht nur über den Boden, sondern verlagerte seine eigene Ballettvorstellung in die Luft. Auch wenn man sich andere brachiale Dunker wie Russell Westbrook anschaut, hatten Carters Bewegung tatsächlich etwas anmutiges. Typen wie Russ attackieren den Korb, als hätten sie eine persönliche Rechnung mit ihm offen. Carter dagegen, kam immer mit einer neuen Kreation um die Ecke, vor seinen Spielen war es vielen Leuten egal, wie das Endergebnis lauten würde. Wichtiger war, was würde Carter machen?

Carter hatte Charisma, seine spektakuläre Spielweise verschaffte ihm zumindest individuell großen Erfolg. „Air Canada” oder „Half Man, Half Amazing”, wie er genannt wurde, war nicht nur Spitzensportler, sondern Kulturgut für das kanadische Publikum. Damals war Basketball in Kanada noch nicht weitverbreitet, Sportart Nummer eins war Eishockey.

Dass Basketball in Kanada heute beliebt ist, und dass die Toronto Raptors vor einem Jahr den ersten kanadischen NBA-Titel gewannen, hat auch mit dem US-Amerikaner Carter und seiner Pionierarbeit Anfang der Nullerjahre zu tun. Er war ein Quotenbringer und zog massenhaft Werbeverträge an, vor allem aber war er ein Vorbild für die Jugend. „Kinder schauen auf zu den Leuten, die vor ihnen da waren”, sagte Steve Nash, der beste kanadische Basketballer der Geschichte, in „The Carter Effect”. Jeder Nachwuchsbasketballer in Kanada habe Carter damals vergöttert.

Das Problem jedoch. Carter brachte nicht den gewünschten Erfolg. Nach anfänglich guten Jahren, stagnierte das Team. McGrady verließ ihn Richtung Orlando und Carter forderte einen Trade. Das Front Office erfüllte ihm diesen Wunsch und schickte ihn zu den Nets nach New Jersey. Die Fans jedoch nahmen es ihm übel und so wurde jeder Gastauftritt zur Tortur. In New Jersey blieb der Erfolg aus, gleichzeitig begann Carter infolge von Knieverletzungen individuell abzubauen, woraufhin eine Odyssee begann. Zwischen 2009 und 2017 spielte Carter für Orlando Magic, die Phoenix Suns, Dallas Mavericks und die Memphis Grizzlies. Dabei war er mehr Ergänzungsspieler und Mentor als Leistungsträger. In seiner Zeit bei den Grizzlies erlebte er einen denkwürdigen Moment – und eine späte Versöhnung mit den Raptors: Bei einem Auswärtsspiel in Toronto lief über den Videowürfel in der Arena ein Video zu Carters Ehren und das Publikum erhob sich zum Applaus für seinen früheren Liebling. Unter Tränen betrat er das Spielfeld und bedankte sich.

Doch Carter dachte nicht ans Aufhören. Carter ist generell anders als die meisten anderen ungekrönten Stars seines Sports. Nach seinem Intermezzo bei den Grizzlies hätte er einfach Schluss machen können oder nochmal einen letzten Versuch starten, bei einem Contender einen Ring abzustauben. Carter war das egal, vielleicht wusste er, dass ihm ein Ring nicht viel bringt, da man ihn so oder so nicht damit in Verbindung bringen würde, sondern lediglich mit seinen Highlights. Quasi der Allen Iverson Effect. Er entschied sich also, junge Spieler unter seine Fittiche zu nehmen und ihnen zu helfen, die Fehler zu vermeiden, die er einst beging. Denn Carter schöpfte nie sein ganzes Potential aus, sondern stellte lange seine eigenen Interessen voran. Umso lobenswerter sein Wandel im Alter. Sich mit über 40 immer noch den Strapazen einer 82 Spiele andauernden Saison zu stellen ist bemerkenswert. Das ganze auch dann zu machen, obwohl man weiß, dass es keinerlei Aussichten auf Erfolg gibt, bewundernswert.

Trotzdem schmerzt es nun in der Seele des Fanseins, dass man fortan ohne Carter in der Liga auskommen muss. Carter reiht sich damit in die Reihe von Kobe und Dirk ein, bei denen es danach auch eine gewisse Lehre gab, da alle Kids der 2000er mit diesen Jungs aufgewachsen sind. Kobe, weil er der Beste war. Dirk, aus Stolz auf einen Deutschen Superstar und Carter? Weil seine Dunks einen immer fasziniert haben. Der Tschaikowski des Basketballcourts. Genieße deinen wohlverdienten Ruhestand Vince!

Anlässlich seines Karriereendes, wird an diesem Wochenende noch eine Podcastfolge kommen, wo sich Carter in der ewigen Bestenliste (Ringless) einreiht. Stay tuned.

Veröffentlicht von Leon Göhl

Ich bin Student an der HS Pforzheim und betreibe nebenbei einen Basketball Blog, wie Podcast.

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