Bedeutung der Olympischen Spiele 1968

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Dieser Artikel wurde weder auf Richtigkeit noch Vollständigkeit überprüft und beruht auf einer wissenschaftspropädeutischen Arbeit von Gülsu Ardic.

Einleitung – Colin Kaepernicks Protest 

„Der Fall Kaepernick: Wie rassistisch ist die NFL?“, „Colin Kapernick, der ausgestoßene Protestführer“ und „Trump tobt nach NFL-Sitzung: Missachtung der Nation“ 1 – der NFL- Profi Colin Kaepernick weigert sich in den Trainingsspielen seines Vereins, den San Francisco 49ers, sich zur Hymne zu erheben und sorgt für etliche Schlagzeilen. Er will damit ein Zeichen gegen Rassismus und Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten setzen. Für Kaepernick, Sohn eines schwarzen Vaters und einer weißen Mutter, ist die Lage mit jener Aktion nicht einfacher geworden. Fans missbilligen seine Geste und beschimpfen ihn, da sie der Meinung sind, dass er mit seinem Boykott nationale Werte beschmutzt. Moderatoren unterstellen ihm, von der eigenen Degradierung zum Bankspieler ablenken zu wollen. Polizisten drohen, Spiele der 49ers nicht mehr zu beschützen und der Präsident, Donald Trump, legt ihm nahe, sich „ein anderes Land“ zu suchen. 

Ebenso gibt es zahlreiche Unterstützer Kaepernicks. Fußballnationalspielerin Megan Rapinoe hat sich dem Protest inzwischen angeschlossen. Veteranen verehren Kaepernick als besonders herausragenden Patrioten. Und der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten, Barack Obama, erwähnte am Rande des G20-Gipfels in China, dass Colin Kaepernick sein verfassungsgemäßes Recht ausübt. 

Kaum ein Amerikaner hat zu dem damals 28-jährigen eine Meinung, womöglich weil dieser Fall drei sensible Ebenen gleichzeitig berührt. 

Zum einen das Problem selbst, gegen welches der Footballer protestiert. Rassismus und Polizeigewalt sind Themen, die die Amerikaner derzeit besonders spalten. Die Fälle in Minnesota und Louisiana haben ein weiteres Mal offengelegt, mit welchem starken Misstrauen sich weiße und schwarze Amerikaner noch immer begegnen. Kaepernick hat diese und weitere Fälle in Erinnerung gerufen und die Nation damit emotional getroffen. 

Zum anderen geht es um die Idealisierung nationaler Symbole. Gerade im Sport, wo Flagge und Hymne seit Jahrzehnten fester Bestandteil der Choreographie sind, tragen beide Symbole dazu bei, den Amerikanern für einen kurzen Moment ihre inneren Konflikte zu vergessen und zu verdrängen. 

Außerdem wirft seine Aktion die Frage auf, wie politisch der Sport in den USA eigentlich sein darf. Hier gibt es zwei sehr unterschiedliche Denkrichtungen. Die einen sehen die Sportidole als prädestiniert an, um sich mit ihrem Umfang politisch zu äußern, die anderen halten es für selbstverständlich, dass Athleten sich aus der Politik heraushalten. 

Der amerikanische Sport war, im Vergleich zu dem in anderen Ländern, schon immer ein Stück politischer. 1967 weigerte sich der Boxer, Muhammad Ali, als Soldat im Vietnamkrieg zu kämpfen. Die Black-Power-Geste der Leichtathleten Tommie Smith und John Carlos bei der olympischen Medaillenvergabe 1968 gilt heute als eines der stärksten Zeichen gegen 

Es liegen fast 50 Jahre zwischen dem Protest von Kaepernick und dem der beiden Athleten und es wird klar, Sport völlig ohne Politik ist unmöglich. In der Arbeit soll dargelegt werden, welch große Bedeutung die Geste der sensationellen Sprinter Tommie Smith und John Carlos hatte und welche politischen Ereignisse die Menschen 1968 am meisten prägten. 

Das International Olympic Comitee (IOC) traf auf seiner 60. Session in Baden-Baden schon im ersten Wahlgang die Entscheidung zugunsten von Mexiko-City und gegen Detroit, Lyon und Buenos Aires. Die Austragung der XIX. Olympischen Sommerspiele 1968 findet zur Zeit des Staatspräsidenten Adolfo Lopez Mateos, welcher von 1958 bis 1964 im Amt war, statt. Allerdings brach Panik unter den Sportwissenschaftlern jener Fachverbände aus, die Sportler mit Dauerleistungen zu betreuen hatten. Eine regelrechte Höhenpsychose griff um die Rassendiskriminierung. Als die amerikanische Nationalhymne zur Siegerehrung für 
den 200 Meter-Lauf erklang, senkten Smith und Carlos, die gerade den ersten und dritten Platz in diesem Weltrekordrennen belegt hatten, ihre Köpfe und reckten ihre Fäuste in den mexikanischen Himmel. Beide Sportler riskieren ihre Karriere für Opfer von Rassengewalt. 

Allgemeine Informationen 

Eine noch nie dagewesene Höhe von 2200 Metern rief zahlreiche Kritiker auf den Plan, da vor allem in den Ausdauersportarten enorme gesundheitliche Probleme vorausgesagt worden sind. Die in solchen Fällen auftretenden Warner prophezeiten eine Reihe von Olympiatoten, wegen der dünnen Luft in Mexikos Metropole. Dennoch entschied sich das IOC für Mexico- City. 

Eine weitere Premiere der Olympischen Spiele von Mexiko
war, dass noch nie zuvor so viele Sportler, aus so vielen
Ländern bei den Spielen vertreten waren. Insgesamt nahmen 5530 Sportler aus 112 Ländern teil, davon 781 Frauen.  Zum ersten Mal entzündete mit der mexikanischen Hürdenläuferin Norma Enriquetta Basilia Sotelo eine Frau das olympische Feuer. Es wurden erste Doping- und Geschlechtskontrollen durchgeführt, wie auch erste elektronische Geräte zur Zeit- und Weitenmessung im Bereich Leichtathletik eingesetzt. 

Die Leistungsexplosion bei den Wettkämpfen war in erster Linie auf die Höhenluft in Mexiko zurückzuführen. Vorheriges mehrwöchiges Höhentraining hatte zudem zu einer Vermehrung der roten Blutkörperchen im Organismus der Athleten geführt. Die dadurch bedingte erhöhte Sauerstoffzufuhr in der Muskulatur steigerte die Leistungsfähigkeit. 

1968 war ein Jahr voll politischer Brisanz. Zum einen musste die USA, welche seit August 1964 in den Vietnamkrieg verwickelt war, Anfang 1968 aufgrund einer Offensive der südvietnamesischen Befreiungsfront einen militärischen Rückschlag hinnehmen und mit mehr als einer halben Millionen stationierter Soldaten in Vietnam eingestehen, dass der Krieg sinnlos war. Zum anderen schwelten auch außenpolitisch in den USA die Konflikte. Martin Luther King wurde 1968 ermordet und die Bürgerrechtsbewegungen der schwarzen 

In Deutschland trieben die bildungspolitische Krise und die Notstandsgesetzgebung der großen Koalition tausende Studenten auf die Straße. Der Mordanschlag auf den Studentenführer Rudi Dutschke im April 1968 sorgte jedoch für eine Eskalation der Demonstrationen. 

Im August 1968 wurde der „Prager Frühling“ gewaltsam beendet. Truppen der Warschauer Pakt-Staaten marschierten in die Tschechoslowakei (CSSR) ein und beendeten die Reformbewegung der tschechoslowakischen kommunistischen Partei (KPC) um 

In Nigeria wütete der Biafrakrieg. In Griechenland und Peru wurde die Regierung gestürzt. Der „Sechstagekrieg“ zwischen Israel und Ägypten eskalierte. Weitere Konfliktherde lagen in Korea und Südafrika. 

Die Spiele selbst, welche vom 12. Oktober bis 27. Oktober stattfanden, waren also inmitten einer Zeit weltweiter Unruhen und Probleme. 

 Selbstverständlich haben sich die Sportfunktionäre des IOC gewünscht, politische Ereignisse von den Spielen fernzuhalten. Dass dies in einer derart politisch brisanten Zeit nicht vollständig möglich war, war vorauszusehen. 

Schon im Vorfeld der Spiele gab es Boykottdrohungen und Unruhen, und auch während der Spiele trugen sich die Ereignisse politischer Brisanz zu. 

Ereignisse mit politischer Bedeutung vor und während der Spiele 1968 

Die Anerkennung der DDR durch das IOC 

Der Amerikaner Avery Brundage, damaliger Präsident des IOC, glaubte an den unpolitischen Sport. Seit dem Ende des 2. Weltkrieges und der formalen Trennung Deutschlands in Ost und West versuchte er auf sportlicher Ebene dieser Spaltung entgegenzuwirken. Jahrelang wurde also versucht, den politischen Realitäten zu trotzen und mit einer gemeinsamen deutschen Mannschaft der olympischen Idee Ausdruck zu verleihen. 

Das Nationale Olympische Komitee der DDR kämpfte seit ihrer Gründung 1951 um seine internationale Anerkennung durch das IOC. Um wenigstens eine vorläufige Anerkennung zu erreichen, fügte man sich der Idee Avery Brundages einer gemeinsamen deutschen Olympiamannschaft zusammen mit dem „Feind“ aus dem Westen. 

In der Bundesrepublik Deutschland und im Nationalen Olympischen Komitee (NOK) stand man einer Anerkennung der DDR und seiner nationalstaatlichen Symbole immer negativ gegenüber und betonte in Zeiten einer gemeinsamen Olympiamannschaft immer seine Vormachtstellung. Für Avery Brundage, so auch für den pragmatischen Chef des westdeutschen NOK sollte der gesamtdeutsche Sport ein Vorbild für die Politik darstellen. Dies war jedoch stets mit langen Verhandlungen, unter Einschaltung des IOC für wichtige Entscheidungen, verbunden. Man einigte sich auf die deutsche Flagge mit den olympischen Ringen und dem Schlusschor von Beethovens Neunter Sinfonie als Hymne. (siehe Abb. 7, Anhang, S. 18) 

Der Erfolg der Sportler aus der DDR nahm zu und die damit einhergehende Anerkennung auf internationalem Niveau. Auch die Aufnahme des NOK- Präsidenten, Dr. Heinz Schöbel, 1966 in das IOC bestärkte die DDR weiter in ihrem Bestreben um eine Loslösung von
der gesamtdeutschen Vorstellung. Am 

12. Oktober 1968 beschloss das IOC in Mexico-City dann die endgültige Anerkennung des NOK der DDR und der Einsatz Brundages, den Sport und die Politik zu trennen, blieb erfolglos. 

Apartheid in Südafrika 

Zahlreiche Staaten drohten, die Spiele zu boykottieren, falls Südafrika an den Olympischen Spielen teilnehmen dürfe. Grund hierfür ist die Apartheid-Politik der südafrikanischen Regierung. Bereits 1964 wurde Südafrika wegen rassischer Diskriminierung ausgeschlossen. Als am 23. April 1968 die Republik ein weiteres Mal ausgeschlossen wird, heißt es seitens IOC Präsident Avery Brundage, dass lediglich möglichen gewalttätigen Ausschreitungen vorgebeugt werde. Die Ausladung Südafrikas macht erneut klar, dass sich olitische Interessen längst untrennbar mit dem Sport vermischt haben. 

Obwohl das IOC 1968 beschlossen hatte, eine Mannschaft aus Nordkorea unter der Bezeichnung „Democratic People ́s Republic of Korea“ (DPRK) zu den Olympischen Spielen zuzulassen, nahmen die Sportler nicht an den Eröffnungsfeierlichkeiten teil. Dies teilte der südkoreanische IOC-Mitglied Chang Key Young brieflich dem IOC-Präsident Avery Brundage mit, woraufhin dieser am 14. Oktober, das heißt gleich zu Beginn der Spiele, den Beschluss 

Auch Rhodesien konnte nicht an den Spielen teilnehmen. Der UN-Sicherheitsstaat forderte seine Mitglieder auf, rhodesische Pässe nicht anzuerkennen, da sich der Staat einseitig für unabhängig erklärt hatte. IOC-Präsident Avery Brundage versuchte jedoch, speziell für die Olympischen Spiele Olympiapässe auszustellen und nach Rhodesien zu schicken, womit die Einreise für die Sportler aus jenem Land möglich gewesen wäre. Allerdings trafen die Pässe 

Nordkorea und Rhodesien 

Unruhen im Vorfeld der Spiele
In vielen Staaten auf der Welt waren es die Studenten, die auf die Straße gingen und nach mehr Demokratie riefen, so auch in Mexico-City. Bereits einen Monat vor den Spielen begannen die Proteste gegen ein Spektakel, das einzig und allein zur Imagepflege eines brutalen Regimes diente, nämlich der faktischen Einparteiendiktatur der großbürgerlichen „Partei der Institutionalisierten Revolution“ (PRI) unter der Führung des autoritären Präsidenten Gustavo Diaz. 10 000 Soldaten stürmten das dem Olympiastadion gegenüberliegende Universitätsgelände und verhafteten Studenten, Professoren und sogar manche Eltern. Eine Woche darauf feuerte ein Sonderkommando in einem weiteren Campus Tausende von Salven ab. 

Zehn Tage vor der Eröffnung der Spiele kamen die Studenten zu einer friedlichen Kundgebung auf der Plaza de Tlatelolco zusammen. Als sie sich auf den Heimweg machen wollten, passierte etwas Schreckliches. „Innerhalb weniger Minuten wurde die flüchtende Menge von Maschinengewehren und Gewehrschüssen niedergemäht“, berichtete ein britischer Journalist. Durch den Abwurf von Handgranaten aus einem Hubschrauber stieg die Anzahl der Toten drastisch. Mexico-City war für die Olympischen Spiele gesäubert. Der Pressesekretär des mexikanischen Präsidenten tat das Massaker als „interne Angelegenheit der Mexikaner“ ab. 

Die mexikanische Regierung behauptet fest, es habe nur 35 Tote gegeben, doch wie viele Opfer es bei diesem Massaker tatsächlich gab, ist bis heute unaufgeklärt. General Jose de Jesus Clark, Mitglied im IOC-Exekutivkomitee, erklärte seinen Kollegen, in Mexiko kämen täglich mehr Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben, als an jenem Abend auf dem Platz erschossen worden seien. Sollte es an den olympischen Sportstätten Demonstrationen geben, würden die Spiele nicht stattfinden, schrieb sein Nachfolger im Präsidentenamt des IOC, Lord Killanin, in seinen Memoiren. Die Strategie, die die Regierung auf jenem Platz verfolgte, gewährleistete, dass es dazu nicht kommen würde. 

Weder die Armee noch das IOC konnten jedoch Tommie Smith, dem sensationellen schwarzen Sprinter aus den USA, Einhalt gebieten. Er lief den Weltrekord von über 200 Meter, gefolgt von dem Australier Peter Norman. Die Bronzemedaille gewann ein weiterer schwarzer Amerikaner, John Carlos. Da beide farbige Sportler eine große Rolle bei den 

Daraufhin verliefen die Spiele unter starker Militärpräsenz. 

 Biographie von Tommie Smith und John Carlos 

Tommie Smith, geboren am 6. Juni 1944 in Tennesse, ist ein ehemaliger Leichtathlet und Olympiasieger. Der amerikanische Sprinter hielt den Weltrekord für den 200 Meter-Lauf von 1966 bis 1971 mit einer Bestleistung von 19, 83 Sekunden. Smith konkurrierte für das San Jose State College in Kalifornien. Bereits während seiner Schulkarriere setzte der Amerikaner Weltrekorde im 200 Meter-Lauf und war Teil eines Teams, welches Rekorde im Staffellauf, 4 x 200 Meter, setzte. Die Bestzeit von 1967 bis 1970 war eine Minute und 22, 1 Sekunden. Nach seinem Abschluss spielte Smith für drei Jahre professionell Football. 1978 wurde er dann in den Neubau, U.S. National Track and Field Hall of Fame, eingeweiht. 

John Carlos wurde 1945 in Harlem, New York geboren. Genauso wie sein Freund Smith besuchte auch er die San Jose State University. Aufgrund seiner hervorragenden Leistungen im Bereich Leichtathletik nahm auch er an den Olympischen Spielen 1968 in Mexico-City teil. Obwohl er 1968 von den Olympischen Spielen suspendiert wurde, war 1969 ein Jahr voller Erfolg für ihn. Die fantastischen Leistungen im 100, 220 und 4 x 100 Meter-Staffellauf machten es möglich, dass die Universität, die er besuchte, zum ersten Mal an der NCCA Championship teilnehmen konnte. Daraufhin war er Footballer in der NFL und anschließend in der CFL. 

1988 wurden Tommie Smith und John Carlos während einer Zeremonie für ihre Geste bei den Olympischen Spielen 1968 geehrt. Wiedervereint wurden die beiden Amerikaner bei der Beerdigung des australischen Leichtathleten und ihres Konkurrenten im 200 Meter-Lauf Peter Norman. 

„BlackPower“ – Protest auf dem Podest 

Am 16. Oktober kam es im Olympiastadion von Mexico-City zu einer politisch brisanten Protestaktion, die in der ganzen Olympiahistorie
von großer Bedeutung ist. Während die US-
Hymne gespielt wird, strecken zwei Farbige ihre schwarzbehandschuhten Fäuste in den Himmel – das Symbol der „Black-Power“ Bewegung. Die Idee zu diesem Protest hatte Carlos, das Paar schwarzer Handschuhe, das sie sich teilten, gehörte Smith. Den Blick zu Boden gesenkt, tragen sie an den Füßen schwarze Socken, zum Zeichen der Armut.
Tommie Smith, der 200 Meter-Sieger und John Carlos, der Gewinner der Bronzemedaille, erwartete blanker Hass. Sie wurden als „Neger“ und „Kommunisten“ beschimpft, weil sie es wagten, die Olympischen Spiele zur politischen Demonstration zu missbrauchen. missbilligte den Protest als „hässliche Demonstration einiger Neger gegen die amerikanische Flagge“, der seiner Meinung nach nichts mit Sport zu tun hatte. 

Noch ehe man sie aus dem Olympiadorf warf, erklärte John Carlos der Presse: „19, 8 Sekunden lang sind wir die größten Sportler Amerikas, danach werden wir in unserem Land wieder als Tiere betrachtet“. 

Diese Geste spaltete die Welt. Von den Schwarzen wurde sie als Widerstand der Unterdrückten verstanden. Für das weiße Amerika aber war es die Beleidigung der Fahne und man witterte Aufruhr. 

Doch Smith und Carlos waren keine Anhänger der „Black Panther“, deren radikaler Führer Malcolm X den schwarzen Handschuh erst bekannt gemacht hatte. Ihr Hoffnungsträger hieß Martin Luther King, der fünf Jahre zuvor in seiner berühmten Rede in Washington vor IOC-Präsident Avery Brundage rund 300.000 Menschen erklärt hatte: „I have a dream […]“. Am 4. April 1968 wurde er in Memphis von einem Rassisten ermordet. 

Allerdings rechnete keiner mit den negativen Folgen dieser Rebellion. 

Abgesehen von John Carlos und Tommie Smith taten ebenso weitere Sportler ihrer Überzeugung kund. Lee Evans, der eng mit Carlos und Smith befreundet war, stellte in Aussicht, dass die US-Läufer dem 400 Meter-Finale fernzubleiben gedachten. Die Mannschaftsleitung hatte ihn jedoch umgestimmt, sodass er, Larry James und Ron Freeman einen dreifachen Sieg erzielten. Zur Siegerehrung erschienen die drei dunkelhäutigen US-Läufer mit schwarzen Baskenmützen. Sie nahmen während der Hymne zwar ihre Kopfbedeckung ab, grüßten aber nachher die Zuschauer mit geballten Fäusten und widmeten ihre Medaillen „allen farbigen Menschen dieser Erde“. 

Nach der 4×400 Meter-Staffel wiederholten sie ihre Proteste, jedoch blieb eine Reaktion des IOC oder des Olympischen Komitees der Vereinigten Staaten aus. Wie auch bei Wyomia Tyus, die ihre Medaille Tommie Smith und John Carlos widmete, und den Weitspringern Bob Beamon und Ralph Boston, die in aufgekrempelten Hosen auf das Siegespodest nahm sich Carlos Frau das Leben und die Karriere der Sportler war hinüber. 

Die Favoritin Vera Caslavska 

Vom 20. zum 21. August 1968 marschierten sowjetische Truppen, Verbände der ostdeutschen Volksarmee, Polens, Ungarns und Bulgariens in die CSSR ein und beendeten auf eine gewaltsame Art den Reformversuch eines Sozialismus der führenden kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KPD).  Die Intervention der Warschauer Pakt-Staaten hatte zwar keine Auswirkungen auf die Teilnahme der Staaten an den Olympischen Sommerspielen, jedoch eine Wirkung auf die Stimmung der Zuschauer. Diese fingen an, mit den Sportlern aus der CSSR zu sympathisieren. Bereits bei der Eröffnungszeremonie wurden sie, im Gegensatz zu den Sportlern der UdSSR, enthusiastisch empfangen. 

„Königin der Spiele“ war Publikumsliebling Vera Caslavska. Die Studentin und Turnerin aus Prag war mit vier Gold- und zwei Silbermedaillen die erfolgreichste Teilnehmerin der Spiele. Gerade im Turnen standen sich die Sportler aus der UdSSR und aus der CSSR im direkten Wettstreit gegenüber. Caslavska beeindruckte die Zuschauer mit ihrer Ausstrahlung und Anmut, sodass einmal die Zuschauer sogar die Änderung einer ungerechten Bewertung erzwangen.

Doch nicht nur in der Turnhalle beeindruckte sie. Am Tag nach ihrem Vierten Olympiasieg gab sie ihren Rücktritt bekannt und am 26. Oktober 1968 heiratete sie auf Einladung des mexikanischen Präsidenten ihren Lebensgefährten Josef Odlozil, Silbermedaillengewinner von Tokio im 1500 Meter-Lauf, in der Kathedrale von Mexico-City. 

Als sie dann zurück in der CSSR war, widmete sie ihre vier Goldmedaillen führenden Politikern des „Prager Frühlings“, deren Reformbewegungen sie unterstützte. Nach der Wende war sie die einzige Frau im Beraterteam des neuen Staatspräsidenten 

Besonders die Olympischen Spiele von Mexico-City 1968 sind ein Beleg dafür, dass sich die Politik und der Sport nicht trennen lassen. 

Die Politik verhinderte die Teilnahme junger Menschen aus Südafrika und Rhodesien, sie gebot den nordkoreanischen Athleten, ohne sportliche Begegnung wieder abzureisen, sie veranlasste die Trennung der wenigstens noch auf dem Sportplatz gemeinsam antretenden Deutschen. Welchen Anstoß zum Frieden konnten die sowjetischen Sportler leisten, als aus ihrer Heimat die Panzer aufbrachen, ein Land in Verzweiflung zu stürzen? Wie konnte das IOC den tschechoslowakischen Athleten helfen, die nicht trainieren konnten, weil militär- politische Notwendigkeiten ihre Stadien und Sporthallen beanspruchten? Wer hat nach den möglichen Olympiateilnehmern auf den Kriegsschauplätzen im Nahen und im Fernen Osten gefragt? Und ist es nicht politisch, wenn die farbigen Amerikaner, Tommie Smith und Havel Vaclav und anschließend Mitglied des IOC und NOK-Präsidentin Tschechiens. 

Wissenschaftliche Auswertung 

John Carlos, ihre Demonstrationen in das Stadion trugen, in dessen Umkreis Soldaten die Ruhe gegen die Unruhe von Studenten schützen mussten? 

Selbst die Deutsche Olympische Gesellschaft gesteht, noch unter dem Eindruck der Spiele 1968, dass „Politik […] nun einmal stärker, das Leben bestimmender [ist], als das Spiel.“ 

Mit anderen Worten: alles was Menschen tun oder nicht tun, ihr gesamtes Handeln ist Politik. Im Kleinen, genauso wie im Großen, dementsprechend auch im Sport. 

Der Sport bietet eine immer größer werdende Bühne, um seine politischen Interessen einer großen Zahl von Menschen zugänglich zu machen. Leider kann diese Bühne auch missbraucht werden, wie sie bereits unzählige Male missbraucht wurde. Sie kann aber auch eine positive Wirkung haben und zum Nachdenken anregen oder mit gutem Beispiel vorangehen. 

Abschließend lässt sich sagen: Politik ist Teil des Sports, wie sie Teil des Lebens ist. Einerseits wird klar, welch negative Begleiterscheinung das haben kann, andererseits jedoch auch, welch positive Wirkung der Sport auf die Menschen und im Endeffekt auf die Politik haben kann. 

Dies gilt es zu fördern, denn dann bietet der Sport eine gute Möglichkeit, unsere Welt vielleicht ein bisschen besser zu gestalten, als sie es heute ist. 

Literatur und Quellenverzeichnis In gedruckter Form: 

Abelbeck, Gert (1968). Die XIX. Olympischen Sommerspiele Mexico 1968. Dortmund: Olympischer Sportverlag. 

Jennings, Andrew (1996). Das Olympia-Kartell. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH. 

Kaiser, Rupert (1996). Olympia Almanach. Kassel: Agon-Sportverlag.
Kluge, Volker (1996). 100 Olympische Highlights. Berlin: Sportverlag.
Kluge, Volker (2000). Olympische Sommerspiele. Berlin: Sportverlag.
Kruse, Britta (1995). 100 Jahre Olympische Spiele. München: Chronik Verlag.
Scherer, Karl Adolf (1995). 100 Jahre Olympische Spiele. Dortmund: Harenberg. Umminger, Walter (2000). Sport Chronik 5000 Jahre Sportgeschichte. Berlin: Sportverlag. 

Aus dem Internet: 

Veröffentlicht von Leon Göhl

Ich bin Student an der HS Pforzheim und betreibe nebenbei einen Basketball Blog, wie Podcast.

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