Chris Webber – Der letzte King Sacramentos

Chris Webber und Peja Stojakovic waren die Säulen des begeisternden Kings-Teams
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„Lieber Chris, ich habe viel an dich gedacht, seit ich euer Meisterschaftsspiel wie gebannt vor dem Fernseher verfolgt habe. Ich weiß, dass es vermutlich nichts gibt, das den Schmerz lindern und die Enttäuschung darüber, was passiert ist, vergessen machen könnte. Was auch immer es wert sein mag: Du und dein Team, ihr wart sagenhaft. Wenn viel auf dem Spiel steht und der Druck groß ist, gibt es auch immer das Risiko für einen mentalen Aussetzer. Ich weiß es. Ich habe zwei wichtige politische Kämpfe verloren und in den letzten 20 Jahren unzählige Fehler gemacht. Aber was wirklich zählt, ist die Intensität, die Integrität und der Mut, den man an den Tag legt. Und das alles hast du gezeigt. Man kann immer bedauern, was geschehen ist. Aber lass dich davon nicht runterziehen oder dir die Zufriedenheit über das, was Du erreicht hast, nehmen. Vor dir liegt eine großartige Zukunft. Lass dich nicht unterkriegen. Herzlichst, Bill Clinton.“

Wenige Spieler haben die Ehre einen US-Präsidenten persönlich kennenzulernen. Noch weniger erhalten Briefe von diesem. Erst Recht keine Collegespieler, doch Chris Webber war kein normaler Collegespieler. Das sagenumwobene Fab-Five Team rund um ihn und Jalen Rose (siehe „Fab Five – Der beste Freshman Jahrgang aller Zeiten“) hatte den Sport auf den Kopf gestellt. Sie brachten einen neuen Kleidungs- sowie Spielstil in die Collegearenen der NCAA und polarisierten in bis dahin ungeahntem Ausmaß. Trotzdem war ein Brief von Bill Clinton immer noch außergewöhnlich. Der Grund für dessen Schreiben, war jedoch die bis dato bitterste Niederlage in Webbers Karriere. Wenige Tage zuvor hatte er mit Michigan das Finale der NCAA denkbar knapp verloren. Für das Team war dies extrem bitter, doch für Webber war selbst ein Brief des Präsidenten keinerlei Trost. Denn die Niederlage wird heute vor allem mit ihm in Verbindung gebracht. Nachdem man im Jahr zuvor bereits an Duke scheiterte, hatte man die große Chance sich gegen NC zu krönen. 19 Sekunden waren noch zu Spielen, als Webber den Ball fängt und in die gegnerische Hälfte dribbelt, mit der Chance auf den Ausgleich. An der Seitenauslinie nimmt er ein Timeout. Soweit so gut, doch Michigan hatte keine verbleibenden Timeouts mehr. So folgten auf das Technical die beiden Freiwürfe und Ballbesitz North Carolina. Erneut verpasste Webber die Chance auf einen Titel. Eine Leidensgeschichte, die sich durch seine gesamte NBA Karriere ziehen sollte.

Obwohl ihn das ganze Land nun für diese Aktion kannte, war Webbers sportliches Potential unbestritten und so meldete er sich nach zwei Jahren für den Draft an, bei dem er an erster Stelle von den Orlando Magic gezogen wurde. Doch noch am selben Abend tradeten ihn die Magic gen Oakland. Für insgesamt drei zukünftige Picks sowie den an Nummer drei gezogenen Anfernee „Penny“ Hardaway. Über den Trade lässt sich mehr als nur streiten, denn wer weiß was Webber und Shaq in Orlando erreichen hätten können. Vor allem in Anbetracht der Verletzungshistorie Hardaways.

Bei den Warriors wurde er zum Rookie of the Year, doch teamintern war er alles andere als zufrieden. Er spielte fortan eben nicht mehr mit „seinen Jungs“, seiner Fab Five zusammen. Zusätzlich verärgerte es ihn, dass Coach Don Nelson ihn als Center auflaufen ließ. Da es bis 1993 möglich war Ausstiegsklauseln in Verträge zu integrieren, forcierte Webber einen Trade, da er sonst bereits nach der ersten Saison aus seinem 15-Jahres-Kontrakt (74 Millionen US-Dollar) ausgestiegen wäre.

Die Washington Bullets „erlösten“ ihn schließlich. In der Hauptstadt wurde er zum All-Star, doch er schaffte es nie, das Team aus dem Niemandsland der NBA herauszubringen. Auch hier gab es Probleme mit Coaches und den Fans. Zusätzlich leistete er sich außerhalb der Arenen die eine oder andere Eskapade. Diese brachten das Fass vermutlich zum überlaufen, weshalb man in Sacramento anrief und ihn gegen Mitch Richmond und Otis Thorpe tauschte.

In der Hauptstadt Kaliforniens passte es dann aber vom ersten Moment an. Die Fans lagen ihm zu den Füßen. Mit Peja Stojakovic und Jason Williams (Highlights abchecken) hatte er endlich Mitspieler die ihn wieder an seine Collegezeit erinnerten und im Laufe der Jahre kamen Vlade Divac und Mike Bibby (für Williams) hinzu. Sacramento hatte ein Titelfertiges Team beisammen. Und nachdem die Lakers in den beiden Jahren zuvor unschlagbar erschienen (speziell 2001 sah man kein Land), rechnete man sich 2002 so einiges aus. 61 Siege holte das Team und war auf bestem Wege zum Titel, bis man in den Conference Finals einmal mehr auf die Lakers traf. Webber hatte sich in Sacramento wieder zum All-Star aufgeschwungen, agierte im Post tödlich und seine Pässe waren präzise. Unzählige Male hieß es: „Webber to Stojakovic, for threeeeeeee…“

Aus heutiger Sicht kann man Webber ein wenig mit DeMarcus Cousins und den Houston Rockets von 2018 vergleichen. Auch Cousins hatte Zeit seiner Karriere Probleme mit seinen Teams und schaffte es nie so recht seine Teams in die Playoffs zu führen. Als Webber das schließlich schaffte, kommt der Vergleich zu den Rockets. Jahrelang war man die Nummer 2 im Westen hinter den Warriors. 2018, sah man die große Chance auf den Sieg und man ging mit 3-2 in der Serie in Führung. Während jedem Rockets Fan die 27 vergebenen Dreier in Halbzeit zwei noch mehr als deutlich vor Augen sind, so ist es jedem Kings Fan, jenes Spiel 6 in Los Angeles.

„Die Kings waren nicht dazu bestimmt, Spiel 6 zu gewinnen“, schrieb Vincent Bonsignore von den Los Angeles Daily News: „Das hatte weder mit den Lakers noch mit den Kings zu tun, sondern mit der Art und Weise, wie die Referees das Spiel gepfiffen haben.“

27:9 Freiwürfe bekamen die Lakers im 4. Quarter im Vergleich zu den Kings zugesprochen. Kobes Ellbogencheck gegen Bibby blieb ungeahndet. Bis heute ist unklar, ob dieses Spiel (vergleiche Robert Hoyzer Skandal in Deutschland) fingiert wurde. Eine Untersuchung ergab nichts, doch einer der Refs, der 2007 wegen Spielmanipulation ins Gefängnis ging, behauptete damals, dass die Liga ein siebtes Spiel erzwingen wollte. Für die Kings ist das jedoch irrelevant. Denn die Lakers gewannen Spiel 7 und hatten in den Finals wenig Mühe mit den New Jersey Nets. Threepeat für die Lakers statt das Ende der 51-jährigen Durststrecke für die Kings. Doch Sac-Town machte dort weiter wo es aufgehört hatte und marschierte zu 59 Siegen. Einmal mehr war die Hoffnung auf den Titel groß, bis sie schlagartig erlosch. Webber setzte in Spiel 2 der zweiten Runde zum Sprint an und wand sich Sekunden später. Erneut war sein Knie in Mitleidenschaft gezogen worden. Dieses Mal jedoch schlimmer als zuvor. Ohne Webber waren die Kings nicht mehr die gleichen. Fast ein Jahr fehlte er. Danach fehlte die Physis, die Agilität und das Vertrauen in den eigenen Körper. Der All-Star Webber war Geschichte. 2004 duellierte er sich nochmals gegen Kevin Garnett, doch nach einem erneuten Playoff Aus, sahen sich die Verantwortlichen gezwungen die Ära von Webber zu beenden. Es folgten Wanderjahre und Stationen bei den 76ers, in seiner Heimatstadt bei den Pistons und schlussendlich schloss sich der Kreis dort, wo alles anfing, bei den Warriors. Bei letzteren ließ sein Knie nur neun Einsätze zu, bevor er sich gezwungen sah seine Karriere frühzeitig zu beenden.

Was bleibt, sind fünf All-Star-Ehrungen, ein Karriereschnitt von 20,7 Punkten, 9,8 Rebounds und 4,2 Assists, sowie je 1,4 Blocks und Steals. Auch heute noch streitet man ob Webber ein Hall of Famer ist. Gestern erst (Stand 1. Juni 2020) äußerte sich Jalen Rose zu der Debatte. In seinen Augen ist Webber ein „no-brainer“, für viele sind seine Eskapaden, sein Handgeld-Skandal und das Scheitern in den Playoffs ausschlaggebend ihm eine Aufnahme zu verweigern. Speziell in den Playoffs fehlte es ihm an Aggressivität und dem endgültigen Willen sein Team zu schultern. Ein klein wenig Kobe schadet zwar keinem Menschen, doch speziell Webber hätte es zu einem All-Time-Great gemacht. Andere hingegen rechnen ihm seine Zeit bei Michigan hoch an, seine ungewöhnliche und vielseitige Spielweise oder sein Kings Team, das auch heute noch zu den spektakulärsten aller Zeiten gehört. Wenn man die Zahlen mit dem womöglich besten Power Forward aller Zeiten (Tim Duncan) vergleicht, so gibt es kaum Abweichungen, lediglich die Defense, Titel und MVP Awards von Duncan sprechen gegen Webber. Zeit seiner Karriere war Webber ein Instinktverteidiger, der sich speziell auf seine langen Arme verließ. Ein sommerliches Training Camp mit Hakeem Olajuwon, hätte ihn hier durchaus komplettieren können. Nicht umsonst sagte Karl Malone kürzlich, dass Webber vom reinen Potential der bessere Spieler gewesen ist.

Trotzdem gibt es kaum Menschen, die Webber negativ in Erinnerung haben, ganz im Gegensatz zu Malone, denn nach seiner Karriere engagierte er sich vor allem in seiner Community. Mit seiner Chris Webber Foundation fördert er Million Schulkinder. Als Experte ist er exzellent und nimmt selbst seinen einstigen Turnover mit Humor.

Dass er mit seiner Karriere im reinen ist, zeigt folgendes Zitat: „Wenn mir jemand vor meiner Karriere gesagt hätte, was ich alles durchmachen muss und ich auch noch meine Seele verkaufen müsste, um in der NBA zu spielen – ich hätte es trotzdem gemacht.“ Es hätte also nichtmal einen Brief des Präsidenten gebraucht um Webber wieder aufzubauen.

Veröffentlicht von Leon Göhl

Ich bin Student an der HS Pforzheim und betreibe nebenbei einen Basketball Blog, wie Podcast.

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