Olajuwons Grauen – Das Small-Ball-Experiment der Rockets

97 Spiele lang. So lange galten die Houston Rockets, zwischen 2017 und 2018, als das Beste Team der NBA. Nach 97 Spielen verletzte sich Chris Paul, Houston verspielte eine 3:2-Serienführung gegen die Warriors. Man scheiterte an der eigenen Philosophie, denn „if you live by the three, you gonna die by the three“. Die 27 verfehlten Dreier in Halbzeit zwei, schmerzen heute noch jeden Rockets Fan. Die Hoffnung auf den ersten Titel seit 1995 war wie weggeblasen. Anschließend zerstritten sich Harden und Paul. CP3 wurde im Sommer 2019 durch Westbrook ersetzt, doch für die Rockets schien das Titelfenster zu. Bis am 5. Februar 2020 Daryl Morey, den nach ihm benannten Morey-Ball auf die Spitze trieb.

NEW YORK, NEW YORK – MARCH 02: James Harden #13 and Russell Westbrook #0 of the Houston Rockets in action against the New York Knicks at Madison Square Garden on March 02, 2020 in New York City. NOTE TO USER: User expressly acknowledges and agrees that, by downloading and or using this photograph, User is consenting to the terms and conditions of the Getty Images License Agreement. New York Knicks defeated the Houston Rockets 125-123. (Photo by Mike Stobe/Getty Images)

Die NBA hat sich über die letzten Jahre stark gewandelt. Früher, waren zumeist ehemalige Spieler für die Geschicke der 30 Franchises zuständig. Doch je größer die NBA wurde, desto größer wurde die Vermarktung, das Scouting und die Analyse der Daten und Zahlen. Es ging weg von reinen Instinktbasketballern und GMs, zu Analysten und Wirtschaftsabsolventen (man vergleiche es am Besten, mit der Szene aus Moneyball, als man über potentielle Neuzugänge redet und die alteingesessenen es nicht verstehen können, warum ein „Niemand“ mit Zahlen, ihnen ganz andere Spieler vorschlägt). Daryl Morey gehört zu der zweiten Sorte. Ein Abschluss in Wirtschaft und keine eigene Basketballkarriere. In Houston bekam er 2007 das Vertrauen und genügend Zeit um seine Idee von Basketball umzusetzen. Zu Beginn seiner Amtszeit, schien er nichts großartig anders zu machen, als andere. Mit Dwight Howard wurde gar ein Star geholt, der gar nicht in seine Philosophie passt. Eine Philosophie, die Morey 2015 anfing umzusetzen. Seine Teams sollen nur noch drei verschiedene Würfe nehmen. Vorzugsweise Dreier, ringnahe Würfe oder Freiwürfe ziehen. Alles zwischen der Zone und Dreierlinie, ist heutzutage „zu ineffizient“. Nach und nach fädelte er Deals ein, in einer Zeit, in der die Warriors dominierten und LeBron James in Cleveland spielte, war Morey der einzige, der ernsthaft versuchte dem Team aus der Bay Area Widerstand zu leisten. Als diese 2016 Kevin Durant holten, war es Morey, der sein Team dem der Warriors anpasste und versuchte sie zu schlagen, bis zu den Spielen 98 und 99 der Saison 2017/2018 klappte dies auch hervorragend.

Es schien die einzige Chance für die Rockets auf den Titel. Mittlerweile gibt es wieder mehr Teams, die Absichten auf den Titel haben. Houston wirkte abgeschlagen. Westbrook konnte sich nicht entfalten, da ihm Capela Platz in seiner Komfortzone wegnahm. Der Verlust von Paul merkte man dem ganzen Team an.

Anfang Februar sah Morey, dass es mit diesem Team nicht für einen Titel reichen würde und entschied sich seine Philosophie auf die Spitze zu treiben. Der langjährige Starter Clint Capela wurde nach Atlanta getraded. Doch die Rockets verzichten im Gegenzug auf positionsgetreuen Ersatz und holen stattdessen Robert Covington (SF) von den Minnesota Timberwolves. An sich kein Problem, da man mit Isaiah Hartenstein weiterhin einen traditionellen Big hat, den man aber postwendend in die G-League beorderte.

Houston ging an diesem 5. Februar All-In. Kein Starter größer als 1,97m, kein gelernter Center, dafür aber 4 Schützen um Russ den nötigen platz für seine Drives zu verschaffen.

Wieder einmal orientierte sich Morey am erfolgreichsten Team der letzten Jahre. Den Golden State Warriors. Wieder versucht Morey diese, zwar nicht vom Talent her, sondern in ihren Methoden zu übertrumpfen. Als die Warriors viele Dreier nahmen, nahmen die Rockets mehr. Installierten die Warriors für einzelne Phasen des Spiels das Mega-Lineup-of-death, mit Draymond Green (1,98m) als Center, so lässt Morey fortan D’Antoni (Coach von Houston) keine andere Wahl, als klein zu spielen.

Houston stellte bereits letzte Saison einen neuen Rekord für genommene, wie getroffene Dreier auf. Jetzt mit fünf potentiellen Shootern, ist es nur eine Frage der Zeit, dass Houston die vorherigen Rekorde pulverisiert. Aus mathematischer Sicht, macht dieses Konzept auch Sinn, denn drei Punkte zählen nunmal mehr als zwei. Wieder einmal lässt sich der Vergleich zu Moneyball ziehen, auch hier baute man auf einen mathematisch-analytischen Ansatz und wurde zum Scheitern verurteilt. Doch nur weil ein Team einen neuen Ansatz wählt, diesen gleich verteufeln? Warum nicht mit einem 1,96m großen Center starten, der nie mehr als sechs Rebounds in seiner Karriere abgreifen konnte, dafür den Dreier mit 37% konstant trifft?

Gemäß dem Motto machst du zwei Punkte, so mache ich einfach drei, versuchen die Rockets den Basketball zu revolutionieren. Oftmals sieht es in der Offense eher wie eine Hanballspiel aus, da gleichzeitig fünf Spieler um einen Kreis herum verteilt sind, doch vor allem Westbrook profitiert von diesem System. Denn Broadie ist über seine Karriere gesehen ein extrem schlechter Schütze (30,4% 3FG, 25,4% 19/20), dafür aber ein Überathlet, an dessen Tempo kaum ein Spieler herankommt. Und seitdem das System umgestellt wurde, nimmt Russ kaum noch Dreier, erlebt eine Art zweiten Frühling und ist vielleicht so effizient wie noch nie in seiner Karriere. Da ihn bei normalen Bedingungen kaum ein Spieler im 1-gegen-1 halten kann, so ist er seit Februar unfassbar gut und nahezu unaufhaltsam. 32 Punkte seit dem Trade von Capela sprechen eine deutliche Sprache. Da um ihn herum nur Schützen stehen, ist es für ihn kein Problem, bei gegnerischer Hilfe, einen Kickout Pass an die Dreierlinie zu spielen, von der dann abgedrückt wird.

Auch Offball ist Westbrook mittlerweile eine Waffe. Er hat es endlich verstanden, dass er alleine kein Team zum Titel tragen wird und lässt in gemeinsamen Minuten meist Harden den Ballvortrag. Harden. Der Spieler, der sämtliche Offensivrekorde die letzten Jahre über brach, schafft es zudem wie kein Zweiter seine Mitspieler in Szene zu setzen. Sollte Westbrook am Perimeter starten wirft Harden den Lob zu ihm. Das ist vor allem deshalb kein Problem, da die großen gegnerischen Spieler aus der Zone gezogen werden und keine Helpside-Defense spielen können.

Trotz all den Vorteilen, gibt es eine Vielzahl an Nachteilen. Das Rebounding ist ohne Capela extrem schwach, da sich hier die fehlende Länge der Raketen bemerkbar macht. So konnten selbst tankende Teams die Rockets schlagen. Bei der Niederlage gegen die New York Knicks (setzen vermehrt auf große Spieler) ging das Rebound Duell mit 65:34 klar an die Knickerbockers, fällt zudem kaum ein Dreier, gerät Houston in riesige Probleme und hat kaum Chancen ein Spiel zu gewinnen. Zudem ist man weiterhin zu sehr von James Harden abhängig. Sobald „The Beard“ ein schlechtes Spiel hat, sinken die Siegchance der Rockets extrem. Des Weiteren, ist PJ Tucker (bei Bamberg einst PG, nun Center) bereits 34 Jahre alt und spielt extrem kräftezehrend, ob und wie er das über eine Serie von sieben Spielen konversieren wird ist fraglich.

Auf der anderen Seite, gibt es Monate wie Februar, als man seine Dreier traf und Harden brilliant aufspielte. Mit 11-2 beendete man den Monat und schlug unter anderem Gegner wie die Lakers, Celtics und Jazz. Vor allem den Jazz, die noch mit einem traditionellen Center spielen, bereitete das Matchup große Probleme. Bei den Lakers isolierte man Westbrook gegen Davis, um diesem genügend Fouls anzuhängen. Howard und McGee sind zwar größer, doch qualitativ den Rockets unterlegen, was schließlich auch zur Niederlage der Lakers führte. Auch eliminieren die Rockets das Pick and Roll der Gegner, da sie alles switchen können und Center weiterhin zu häufig gegen James Harden aufposten wollen, obwohl dies seine größte Stärke in der Verteidigung darstellt. Auch werden viele Steals generiert, die im Gegenzug meist in einfachen Fastbreakpunkten münden.

Auch könnten Teams gewillt sein, mehr auf ihre großen Spieler zu bauen, die offensiv aber diese Rolle nicht ausfüllen können, so kommen andere womöglich in keinen Rhythmus und den Rockets ist es egal ob ein Center 40 Punkte gegen sie auflegt, solange sie gewinnen.

Die Frage, die sich stellt ist: Was ist dieser gravierende Systemwechsel nun? Das finale Puzzleteil zum NBA-Titel oder erneut ein gescheiterter Versuch?

Houston wird versuchen seine Gegner durch die eigene Offensive zu bezwingen. Das hat in den ersten 82 Saisonspielen durchaus seine Vorteile, doch gegen Teams die sich darauf einstellen bleibt es fraglich, vor allem wenn das Shooting ausbleibt.

Man muss den Rockets aber definitiv ein Kompliment machen, da sie alles erdenkliche probieren, um erfolgreich zu sein. Sie setzen den Small-Ball Trend fort, halten aber an der eigenen Philosophie fest. Und wie heißt es so schön: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!

Kritiker zweifeln zwar an den Playofftauglichkeiten von Harden und Westbrook, doch man kann nie wissen. Als die Rockets 1995 schon einmal von Rang sechs starteten, traute ihnen auch keiner den Titel zu. Sollten die Rockets Olajuwons Geist beschwören, ihre Dreier treffen und sich defensiv bemühen, könnte es durchaus zu Erfolg führen. Erfolg, den vor allem Center fürchten müssen (vergl. Haben Center eine Zukunft in der NBA).

Veröffentlicht von Leon Göhl

Ich bin Student an der HS Pforzheim und betreibe nebenbei einen Basketball Blog, wie Podcast.

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